Schneewittchen

Posted on Juni 23, 2026 in Termine und Kritiken
Schneewittchen

Märchenhaftes – anders inszeniert
Familienkonzert „Schneewittchen“ in einer sprachlichen und musikalischen Erzählung: Das können Kinder mit ihren Familien am 23. Dezember im Wilhelma Theater erleben. Es spielt das Stuttgarter Kammerorchester, es erzählt Philipp Roosz.
Wie könnte es klingen, wenn Schneewittchen im Wald ist, in der Natur, die es so sehr liebt. Wenn sie dem Lichterspiel der Sonnenstrahlen im Laub der Baumkronen folgt und im Sternenmoos zu ihren Füßen Himmelskörper funkeln sieht. Dem spürt Ute Kleeberg schon seit fast drei Jahrzehnten nach und lässt Musik an jenen Stellen weitererzählen, an denen die Sprache der Worte endet. Live können das Menschen ab sechs Jahren am 23. Dezember um 11 Uhr und um 15 Uhr im Wilhelma Theater erleben, wo das Stuttgarter Kammerorchester die von Kleeberg ausgewählten Stücke auf der Bühne spielt. Das Märchen von Schneewittchen erzählt Philipp Roosz, der am Staatstheater Nürnberg Musiktheater- und Konzertpädagoge ist und dort auch den Kinderopernchor leitet. Dass Schneewittchens Stiefmutter eine echte Zicke ist, vermittelt er direkt durch seine Körperhaltung und die Art zu sprechen. Es ist immer wieder von Neuem witzig, wenn er sich vor dem imaginären „Spieglein“ in Pose wirft und leicht affektiert die alles entscheidende Frage stellt: Wer ist die Schönste im ganzen Land? Manche Gefühlsnuancen können die Instrumente jedoch noch direkter und berührender ausdrücken: die Traurigkeit zum Beispiel, wenn Schneewittchen nach den fiesen Mordversuchen ihrer Stiefmutter zu Boden sinkt und das Leuchten ihrer Lebensfreude ausgelöscht erscheint. Oder das Durcheinander, wenn die Zwerge in ihre Behausung zurückkehren und entdecken, dass da jemand von ihrem Tellerchen gegessen, aus ihrem Becherchen getrunken und in ihrem Bettchen geschlafen hat. Die Musik ist von bekannten Komponisten, aber eher weniger bekannt. Ute Kleeberg wählt für diese mit Worten und Klängen erzählten Geschichten niemals die üblichen Klassik-Evergreens. Vielmehr sind es weniger bekannte Stücke meist bekannter Komponisten. Beim Auffinden dieser musikalischen Kleinode waren das Stuttgarter Kammerorchester und ihr Mann Uwe Stoffel, ehemaliger Soloklarinettist der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, an ihrer Seite. Für ihre CD-Produktionen, die unter dem Label „See-Igel“ erscheinen, sind sie mit vielen Preisen ausgezeichnet worden. CDs sind eine prima Sache – aber ein Livekonzert, das ist noch einmal etwas ganz anderes. Wie für die kleinen Gäste geschaffen ist das Wilhelma Theater mit seinem schon von sich aus märchenhaften, nostalgischen Charme. Natürlich bekommen die Kinder ihre eigene Eintrittskarte, die sie oft noch während des Konzerts stolz in ihren Händen halten. Und es ist eine besondere Stimmung, wenn das Licht im Saal ausgeht und nur noch die Bühne beleuchtet ist. So können die Kinder nicht nur lauschen, sondern auch genau beobachten, wie der Klang entsteht, der an jener Stelle weitererzählt, an welcher der Sprecher sein Mikrofon ausknipst. In ruhigem Rhythmus wechseln sich die gesprochenen und musizierten Passagen ab. Und es bleibt spannend: Das Märchen folgt zwar der gewohnten Form, aber durch die musikalischen Abschnitte gibt es eine weitere Erzählebene, die den Fortgang der Geschichte dort schildert, wo die Worte enden.

Ute Kleeberg hat das Märchen ganz behutsam überarbeitet. So muss beispielsweise im originalen Schneewittchen der Gebrüder Grimm die böse Stiefmutter am Schluss in glühenden Schuhen auf der Hochzeit tanzen. „Auf so ein Fest wollte ich nicht gehen, wo jemand so etwas erleiden muss“, sagt Kleeberg. Büßen muss die eitle Königin aber natürlich trotzdem: Sie wird im Wald ausgesetzt und muss zusehen, wie sie dort klarkommt. Ebenso ist die bekennende Märchenliebhaberin Kleeberg nicht davon überzeugt, dass eine junge Frau wie Schneewittchen die Augen aufschlägt und direkt beschließt, unbesehen den Mann zu heiraten, den es da erblickt. In Kleebergs Version kennen Schneewittchen und der Prinz sich schon länger und mögen sich: Begegnet sind sie sich im Wald, und Schneewittchen dachte eigentlich, dass er ein Jäger sei. Sie nimmt ihn dann trotzdem zum Ehemann – „obwohl“ er ein Königssohn ist. Schneewittchen besitzt für Ute Kleeberg, wie so viele Märchenfiguren, eine schöne Weisheit. Ist durch die Tradition ein bisschen zu viel saure Moral dazugekommen, entfernt Kleeberg diese behutsam. Beim Livekonzert des Stuttgarter Kammerorchesters am 23. Dezember ist auch dessen engagierte Musikvermittlerin Katharina Gerhard mit im Boot. Deswegen ist das Ganze nach dem begeisterten Applaus und den Rufen nach einer Zugabe noch keineswegs beendet. Denn nun dürfen die Kinder – in kleinerer Runde – den Musikerinnen und Musikern Fragen stellen: zum Beispiel, was es mit den Noten auf sich hat und wie man lernt, sie zu lesen. Oder wie man Geige oder Cello spielen lernt. Da stehen dann auf einmal im Parkett zwei Dutzend junge Menschen und üben Luftgeige oder Luftcello. Auch wie man Musikerin oder Musiker werden kann, erfahren sie: dass man natürlich viel üben muss, es auch sehr wichtig ist, mit viel Freude am Tun. Märchenhaftes – anders inszeniert und ordentlich Herzblut bei der Sache zu sein. Ute Kleeberg freut sich, wenn die Kinder lauschen und sich öffnen für die Weisheit, die in den Märchen steckt – und für die Emotionen, die klassische Musik auf so unfassbar wunderbare Weise ausdrücken kann. Dafür ist sie dankbar.
Gabriele Metsker
Stuttgarter Nachrichten – Stadtausgabe vom 26.11.2025, Seite 32 / Kulturreport